Vernunft fĂĽr die Welt
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18.11.2011

Nachlese, Klima-Manifest 2011: Sanieren mit Gestalt und Verstand

Vernunft fĂĽr die Welt

Ein Versprechen auf die Zukunft war es: Das Klima-Manifest „Vernunft fĂĽr die Welt“ trat im Jahr 2009 mit dem Aufruf zu einer ökologischen Wende in Architektur und Stadtplanung an. Die diesjährige Bilanz, veranstaltet von BDA, Kammern und anderen Verbänden, richtete den Blick auf die energetische  Sanierung des Gebäudebestands. Diese gigantische Aufgabe wird, wie zunehmend auch das Bild ganzer Städte, von Wärmedämmverbund-Systemen (WDVS) dominiert. Schnell und pragmatisch erreichen diese Systeme die geforderte Energieeffizienz, ungeachtet der Kritik an gestalterischen und bauphysikalischen Mängeln.

Welche Alternativen Architekten, Ingenieure und Stadtplaner dazu anbieten, war die Fragestellung im Rahmen der Veranstaltung am 14. November im DAZ. Brain Cody (TU Graz) plädierte dafür, Energieeffizienz und Gestalt in ihrer Gesamtheit zu denken und zu entwerfen. In seinem Verständnis sind Gebäude nicht nur vor natürlichen Kräften zu schützen, sondern diese Kräfte sollten aktiv genutzt werden. „Form Follows Energy“ bleibt in den vorgestellten Projekten keine leere Worthülse - sie zeigen, wie Wind, Sonne und thermische Kräfte als Energielieferanten mit architektonisch-strukturellen Formen einzufangen sind. Und ganz nebenbei zeichnete Brain Cody ein mitreißendes Bild von einer ökologischen und ästhetischen Vision der Architektur.

Den Transfer dieses Denkansatzes auf den Gebäudebestand leisten zwei Projekte: FĂĽr die Sanierung der Mannheimer Siedlung Aubuckel aus den 1960er Jahren vernetzten das Forscherteam der TU Darmstadt um die Stadtplanerin Annette Rudolph-Cleff und den Architekten GĂĽnter Pfeifer Gebäude und Stadttechnik zu einem quartiersĂĽbergreifenden Energiekonzept. Die erforderlichen Neubauten („groĂźer Bruder“) sind energieoptimiert ausgelegt und kompensieren die Energiebilanz der Altbauten  („kleiner Bruder“), deren typischer Ausdruck der Nachkriegsmoderne so erhalten werden kann. Insgesamt beruht das Konzept auf einem Low Tech-Ansatz, der mit „Spielwitz und Ingenieurkunst“ Speichermassen, Pufferzonen, KĂĽhleffekte und solare Wärmegewinne mit einer architektonischen Sprache verbindet.

Die Wohnsiedlung „Am Bergmann“ in Sangerhausen bildet dazu das Pendant im Zeichen des ‚Sozialistischen Realismus’: Es galt, die gestalterischen zurückhaltenden Putzbauten mit Erkern, Lisenen und den figürlichen Sgraffito-Dekorationen denkmalgerecht zu sanieren. Hans-Otto Brambach entwickelte einen differenzierten und klugen Sanierungsansatz, der ohne den üblichen Eingriff in die Fassade auskommt: Gedämmte Innenwände - der Wohnflächenverlust wurde durch geänderte Raumzuschnitte ausgeglichen -, Wärmerückgewinnung, Fußbodenheizungen im Niedrigtemperaturbereich sowie die auf den Hofseiten angebrachten Sonnenkollektoren erreichen einen energetischen Neubaustandard nach der Energieeinsparverordnung 2007. Zudem wurde die Wohnqualität mit Wintergärten und Loggien, die nicht wie die üblich ergänzten Balkone die ursprüngliche Anmutung massiv verändern, aufgewertet. Ulrike Wendland als Landeskonservatorin von Sachsen-Anhalt sah in diesem Projekt ein gelungenes Beispiel dafür, wie denkmalgeschützte Gebäude in schrumpfenden Regionen attraktiv modernisiert werden können.

Wenngleich diese Beispiele zukunftsoptimistisch stimmen, ohne Wärmedämm-Verbundsysteme wird es nicht gehen. Pointiert hinterfragte Andreas Hild (Architekt BDA München) den Widerspruch zwischen der überwiegend ablehnenden Haltung dieses Dämmsystems bei Architekten und des fast flächendeckenden Einsatzes zur energetischen Sanierung. Sein Fazit: Der Markt für WDVS wird auch künftig bestehen, weil das geforderte stabile Mietpreisniveau meist keine aufwendige Sanierung erlaubt - und WDVS sind extrem preisgünstig. Daher plädierte Andreas Hild anhand überzeugender Beispiele dafür, das Bausystem bewusst gestalterisch zu nutzen und die Materialität auf der Fassade sichtbar einzusetzen. Von der Baustoffindustrie forderte er Innovationen im Bereich der ökologischen Eigenschaften und des Recylings ein. Die Luzerner Denkmalpflegerin Theresia Gürtler Berger ergänzte, dass den WDVS ein Beipackzettel beliegen sollte, ähnlich den Arzneiprodukten: Dieser Baustoff ist ein komplexes Produkt, das nicht ohne die planerische Kompetenz eines Architekten eingesetzt werden sollte.

Thomas Willemeit (GRAFT) nahm stellvertretend für die Unterzeichner des Klima-Manifests diesen Gedanken auf und sprach sich für ein Primat der Gestalt und der intelligenten Planung zur Lösung der Energiefrage aus. Dass diese Botschaft im politischen Raum angekommen ist, zeigte das vom Bundesbauministerium vorgestellte neue Programm zur energetischen Stadtsanierung: 92 Millionen Euro stehen 2012 für die Erstellung integrierter Quartierskonzepte durch Sanierungsmanager zur Verfügung.

Das Versprechen auf die Zukunft, das am Anfang des Klima-Manifests stand, wird wohl Schritt für Schritt eingelöst werden.

Referate zum Download

Neue Konzepte für eine klimaneutrale Sanierung des Gebäudebestands

Das energetische Quartierskonzept: Siedlung Aubuckel, Mannheim
Prof. GĂĽnter Pfeifer, Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau, TU Darmstadt
Reflexionen zum energetischen Quartierskonzept
Christina Sager, Abteilung Energiesysteme, Fraunhofer Institut fĂĽr Bauphysik, Kassel

Der strukturelle Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen

Andreas Hild, Hild und K Architekten, MĂĽnchen
Reflexionen zu Wärmedämmverbundsystemen
Dr. Clemens von Trott zu Solz, Deutsche Amphibolin-Werke von Robert Murjahn Stiftung & Co. KG, Ober-Ramstadt

Neue Konzepte für eine klimaneutrale Sanierung des Gebäudebestands

Die Erfordernis neuer Dämmsysteme: Innendämmung bei Klinkerbauten - ehemaliges Urban Krankenhaus, Berlin
Klaus Meibohm, Meibohm Architekten, Berlin
Reflexionen zur Innendämmung
Dr.-Ing. Rudolf Plagge, Institut fĂĽr Bauklimatik, TU Dresden

Die Einheit aus Denkmalschutz und Klimaschutz: Wohnsiedlung „Am Bergmann“, Sangerhausen
Hans-Otto Brambach, Brambach Architekten, Halle

Die neuen Konzepte …

… aus Sicht der Ökonomie
Claus Michelsen, Institut fĂĽr Wirtschaftsforschung, Halle


...aus Sicht der Förderpolitik
Dr. Frank Heidrich, Referatsleiter, Bundesministerium fĂĽr Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin

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